rien ne va plus
Nirgendwo ist der Winter so kalt wie im Süden; die Häuser sind auf Kälte und Nässe ebensowenig vorbereitet wie ihre Bewohner.
Alles ist grau in grau, unfreundlich. Die Fensterläden geschlossen, es tropft von den Dächern und die Wege durch die garrigue bestehen aus zähem Lehm.
Das ist die Zeit für den cafard , er schleicht sich ein durch die Ritzen der Türen, er steckt im Mauerwerk und wabert durch die Räume.
Kaum jemand ist gegen ihn gefeit, man kann heizen, lesen, einfach im Bett bleiben oder irgendwas ganz anderes machen - der cafard kommt zu allen.
Der Larousse übersetzt ihn mit "Trübsinn" oder - avoir le cafard: "niedergeschlagen sein", doch es ist viel, viel mehr. Es ist diese grauenvolle Mischung aus Heimweh (nostalgie), Antriebsschwäche, Trauer und hangover und keine Lust auf gar nichts. Entsetzlich.
Jeder sucht auf seine Art, diese Depressivität zu meistern, jeweils mehr oder weniger erfolgreich.
Jürgen, eher intellektuell orientiert, er spricht mehrere Sprachen und befaßt sich mit Grenzgebieten der höheren Mathematik, Jürgen zieht es ohnehin vor, lange Spaziergänge zu unternehmen und sich ein wenig abzusondern. Ein Mensch, der mit und von Büchern und Musik lebt, ein wenig eigenbrötlerisch halt.
An einem dieser feuchtgrau- entsetzlichen Februartage nun - lange hat es gedauert, bis er den Freunden davon erzählen konnte - suchte er Trost darin, seine alten Schallplatten aufzulegen und sich dem blues hinzugeben.
"Goodbye ruby tuesday" hörte er ein ums andere Mal , legte dann aber Simon und Garfunkels "bridge over troubled water" auf, bereitete sich einen Expresso, nahm dann entschlossen die Regenjacke vom Haken, schwang sich auf sein velosolex und fuhr schnurstraks nach Uzès.
Es ist nicht auszuschließen, daß der Text von "the boxer" Jürgens Befindlichkeit beeinflußt hatte - er sollte höchst ungewöhliche Dinge tun.
Er mietete sich einen Renault in Uzès nahm im Café an der esplanade einen letzten Expresso zu sich und fuhr dann - ob guter Dinge, ist nicht überliefert - die D 981 bis Remoulins, überquerte den Gardon und nahm darauf die RN 86 bis zu einen Parkplatz kurz hinter St. Bonnet du Gard Richtung Nîmes .
Bisweilen stehen auf diesem Platz ein bis zwei Wohnmobile mit Damen des ambulanten horizontalen Gewerbes, auch an jenem trüben Tag.
Jürgen hat den Rest später ein wenig hektisch und etwas verschämt berichtet. Was bleibt ist, daß er völlig durchnäßt , entnervt und nur mit seiner Unterwäsche bekleidet wohl nach Einbruch der Dämmerung per Anhalter und auf seinemvelosolex ins Dorf zurückgekehrt ist.
Eine der Ladies hatte anschmiegsam sich zu ihm in den Mietrenault gesetzt und ihm stimulativ von einem lauschigeren und intimeren Plätzchen geschwärmt, und Jürgen, komfortableres Ambiente suchend, war einverstanden, den Feldweg zum Waldrand anzusteuern.
Dort angekommen und bald versunken in hingebungsvolle Verrichtung betörend possierlicher Vorspielchen allerdings seien dann zwei sonnenbebrille kräftige Herren aus dem Walde her aufgetaucht und hatten ihm unverrichteter Dinge barsch und kompromißlos bis auf die Unterwäsche alles, wahrhaftig alles abgefordert, auch sein Geld und den Leihwagen.
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