Der Ölbaum
Olivenbäume sind mystisch, heilig und haben schon immer eine große Bedeutung nicht nur für die Mittelmeerkulturen gehabt. Der Baum, von dem die Rede ist, war mindestens dreißig Jahre alt und stand auf dem kleinen Stück Land vor der alten halbverfallenen Remise mit diesen Weinbottichen aus Stahlbeton darinnen.
Irgendwann einmal sind in den alten südfranzösischen Dörfern alle Häuser, alle Ruinen und alle Remisen und Weinkeller verkauft und/oder restauriert, dann wird wieder neu gebaut, am liebsten auf der grünen Wiese um die Dörfer herum und nach Standardprogramm, schlüsselfertig, P2 oder P3, sieht alles zum Verwechseln ähnlich aus.
Nun, wer im Dorf bleiben will und restaurieren, der muss lange suchen und - das wissen inzwischen alle - erheblich mehr Geld hinlegen als vor einigen Jahren noch.
Anna-Maria und Michel jedoch hatten sich in diese und nur diese Remise verguckt, schon wegen ihrer drei Kinder, denn sie liegt am Ende einer kleinen Sackgasse, und aus dem Stückchen Land könnte man sehr gut einen schönen kleinen Garten machen.
Aber erstens stand noch der alte Traktor des inzwischen über achtzigjährigen Dubois darin nebst allerlei landwirtschaftlichem Gerät und Müll, zweitens müsste man diese riesigen drei Weinbehälter aus Beton irgendwie abtragen und drittens saß der alte Dubois gern des nachmittags unter dem Olivenbaum, rauchte verbotenerweise eine Gauloises papier maïs und schaute sinnend und manchmal mit einer kleinen Altmännerträne im Auge auf das gegenüberliegende Haus. In dem war er geboren worden, in dem war vor einigen Jahren seine Mutter mit fast hundert Jahren gestorben. Auch dieses Haus hatte er auf Wunsch seiner Frau schon verkaufen müssen.
Die Frauen fanden auch zusammen eine Lösung. Es sollte erstmal ein compromis, ein Vorvertrag beim Notar gemacht werden, man würde dann schon weiter sehen.
Anna-Maria nun ist Irin, katholisch, Michel Brite und alle drei Kinder haben rotes Haar, und wenn Anna-Maria sich was in den Kopf gesetzt hat ...
Sie kauften die Remise zu einem beachtlichen Preis, einen Teil davon wegen der Steuern und Notarsgebühren schwarz unterm Tisch, ließen den Nachbarn die Weinbehälter per Vorschlaghammer zertrümmern und beseitigen und fingen dann gemeinsam mit den Kindern an, kleine Pappmodelle zu basteln.
Keine Frage, aus dem Gebäude könnte man viel machen, es ist zwischen vier und sieben Meter hoch, durchaus ausbaufähig das Gan-ze. Michel freilich wollte sich zuerst einen Gartenüberblick verschaffen, und das bedeutete, der Olivenbaum müsste dringend in die andere Ecke des Gartens, in die Nähe des spanischen Maulbeerbaumes, umgepflanzt werden.
Die Ansichten darüber, ob eine solche Aktion überhaupt, und wenn, dann in welchem Monat, im März oder doch besser im November, sinnvoll ist, gehen erheblich auseinander.
Raoul stützte sich auf seinen Stock, wiegte den Schädel und murmelte irgendwas von Quatsch, alte Olivenbäume verpflanze man nicht und überhaupt, doch der junge paysagiste aus dem Dorfe, schwer beschäftigt mit der Pflege all der schönen Gärten und Swimmingpools der reichen Fremden, auch aus Paris, entschied knapp: jetzt, im November.
Er rückte am nächsten Tag mit professionellem Werkzeug an, grub um den Bau aus, koupierte etwas die Wurzeln und hob ihn mit einer Schlinge mit seinem kleinen Bagger hoch. Der neue Platz wurde ge-schwind ausgeschachtet. aber man fand unter der Erdoberfläche - oh Schreck - eine kunstvoll gemauerte runde alte Sickergrube aus Natursteinen, ein Denkmal fast.
Das sei nicht von Bedeutung, meinte der Gärtner, 'n bisschen auflockern, Erde hinein, den Baum umsetzen und fertig, nur noch etwas die Äste beschneiden.
Aber immer gut wässern, beschied er die beiden, mindestens zweimal die Woche ordentlich wässern, dann wüchse der auch an, das garantiere er.
Allein die Bewässerung ist eine Geschichte für sich. Jörg lieh ihnen seine deutsche Gartenpumpe, dann wurde versucht, aus dem Brunnen mit Sharifs Erlaubnis Wasser zu pumpen. Mindestens dreimal sind alle, die fachmännisch die Pumpe untersuchen wollten, beim Versuch, irgendwie Wasser anzusaugen, klitschnass gespritzt worden, aber dann hat es bis in den März hinein wunderbar geklappt, zweimal wöchentlich den Olivenbaum zu bewässern.
Raoul kam immer mal vorbei und rieb sich die Nase, ging um den Baum herum und schüttelt den Kopf. Im Januar zog er sein Opinel aus der Joppe und schnitt ein Stückchen Rinde von einem Ast, roch daran und schüttelte wieder den Kopf. Unter der Schnittstelle schimmerte es grünlich, und Michel sagte brusttönend, der ist angegangen.
Andere sehen das gar nicht so. Im April war unter anderen Schnittstellen kein Grün mehr zu erkennen. Aber Monsieur Dubois sagt, es kann manchmal bis zu drei Jahren dauern, bis ein Olivenbaum sich wieder erholt hat. Die haben Charakter, sagt er.
Eine permis de construire haben Anna-Maria und Michel immer noch nicht, aber dafür können die Kinder schön im Garten spielen und nachts fahren sie das Familienauto in die Remise. Wie die Entscheidung für den Olivenbaum ausfallen wird, das machen sie von der Dauer und den Kosten der Bauarbeiten abhängig. Zur Zeit legt Anna-Marie häufiger mal ihre Hände um seinen Stamm und redet ihm gut zu
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