...und dann kommt die Moral
Fröhlich ist sie meist, von Statur eher zierlich und ausgestattet mit der Gabe, in mehreren Sprachen zu fluchen und - vor allem - zu zitieren.
Auch singt sie gern, den Refrain eines Lied von Michel Jonaz besonders gern, seit sie aus dem hohen Norden in dieser Gegend schließlich seßhafter geworden ist:"pour une vie qui vaille le coup, changez tout, changez tout, changez tout". Ganz besonders dabei liebt sie den schönen subjonctif "vaille".
Momentan setzt sie sich konzentriert mit den Grundlagen der chinesischen Medizin auseinander und meint "was du fühlst, kannst du auch heilen", und ohnehin sei die Provence eine magische Gegend, man müsse nur die Augen offenhalten und setzt mit dem ihr eigenen, sehr individuellen Humor dazu: "Lieber vierzehn Tage nachdenken, als ein Leben lang arbeiten!"
Nun, nach- oder besser: vorgedacht hatte G. durchaus schon häufiger, jeweils mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen, wenn sie dann ihre Ideen in die Tat umsetzen wollte.
Angefangen - lange, lange bevor die Profis aus der Schweiz und sonstwoher das Geschäft in die Hand genommen hatten - war sie zu der Überzeugung gelangt, Radfahren in Südfrankreich, das sei doch eine ganz tolle Idee. Nein, nicht jeden Tag weiter und weiter, sondern vom Dorf aus sternförmig in die Gegend, zum pont du Gard, an die Rhône, vielleicht auch in die Camargue, abend jedenfalls zum Essen und Schlafen wieder zurück.
Sie hatte ausgezeichnete Routen ausbaldowert, für jede Konstitution etwas, dazu einen Jungen aus dem Ort angeheuert, der die erstaunten Cyclisten zum Mittag per altem 2 CV mit Gegrilltem, eventueller Pannenhilfe und einem leichten Rosé in schöner Gegend erwarten sollte, und sie hatte - das Wichtigste! - als Sonderangebot eines Hypermarché acht mountainbikes (made in Malaysia) günstig erstanden.
Insgesamt hat sie dreimal je eine Woche Radfahreraufenthalte verwirklicht. Die Kozeption war gut, ihr Wille auch, aber diese Fahrräder! Dauernd war irgendwas defekt, vor allem die billige Bereifung, und außerdem hatte G. nach dem jeweils dritten Tag keine Kraft und auch keine Lust mehr auf sportliche Gruppendynamik.
Ohne ihre Begleitung aber wollte niemand losfahren.
So war auch dieses Projekt nach einem Sommer bereits zusammengebrochen, aber G. ist trotz hoher Verluste weiter guten Mutes, was Planungen angeht. Ab Spätsommer will sie ein Seminar
"Zwiebelschneiden in Südfrankreich" anbieten. Ihr Arbeitstitel lautet:
"Die Grundrezepte der provencalischen Küche für ichschwache SozialpädagogInnen".
"Mieux vaut tard que jamais", lächelt sie verschmitzt, "das wird den Menschen eine Woche lang Spaß machen! Mittwochs wird Ali ein Mechui zubereiten, den rouge dazu spendiere ich." Immerhin gäb's ja auch Töpfern, Seidenmalerei und Aquarellkurse und so.
Claude gibt zu bedenken, es könne vielleicht doch wieder Probleme geben.
"Wieso? Welche denn?"
"Nun", lächelt er charmant, "schließlich müssen die Leute bei diesem Seminar ja aufessen, was sie sich angerichtet haben..."
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