Marie, Marie...
Der Mensch lebt nicht vom Baguette allein, und das führt in ländlichen Gegenden Südfrankreichs mitunter zu Komplikationen.
Zwar kommt selbst in die kleinsten Dörfchen morgens noch immer der ambulante boulanger, doch wenn's um Zusätzliches geht, Käse, Wasser und Wein beispielsweise, und es ist weder eine épicerie noch ein boucher im Ort, dann muß geplant werden, dann steht zwischen den Einkäufen auf den beliebten Wochen- und Erzeugermärkten ein Ausflug zum nächstgelegenen Super- oder Hypermarché an.
Bekanntlich sind das diese riesigen Gebäude vor den größeren Orten an den Nationalstraßen, gigantische Betongebilde mit ausufernden Parkplätzen auf der grünen Wiese, in denen man (fast) alles kaufen kann.
Zwischen der Pont St. Nicolas und Uzès ist man mit CONTINENT nicht schlecht beraten. Das ist ein Supermarkt in der zone industrielle von Pont des Charettes, an der D 981, Richtung Pont du Gard, mit umfangreichem, gutem und nicht überteuertem Sortiment, Lebensmittel, Fleisch, Fisch, Kleidung, Haushaltswaren etc.
Natürlich machen diese Kettenmärkte den kleinen Händlern das Leben schwer, doch größere Familien sehen inzwischen keine anderen Möglichkeiten mehr, als zwei- bis dreimal im Monat dort vorzufahren um Tiefkühltruhe und Voratskammer aufzufüllen.
Fast nur die Alten noch kaufen beim Dorfkrämer ein und halten ein Schwätzchen.
In einem dieser mandelblühenden Frühlinge nun war wieder mal spontan und fröhlich Freund B., alleinerziehend zwar, aber dieses Mal ohne seine kleinen Töchter, aus dem fernen Berlin angereist.
Er wollte sich an der gemeinsamen Verproviantierung beteiligen und begleitete die einkaufenden Kosmopolitiker zum CONTINENT. Dort angekommen wollte er dann sich um Mineralwasser, Pastis und Sonderangebote kümmern, man würde sich an einer der zwölf Kassen schon wiedertreffen.
So war es denn auch, aber B. kam völlig ohne Waren daher, auf merkwürdige Weise abwesend, ein leichtes Lächeln um den Mund und mit glitzernden Augen. Nein, er habe keine Probeschlucke an den verschiedenen Verkostungsständen zu sich genommen, oh nein. Ihm sei Marie begegnet, das hätte ihn völlig irritiert.
"Aha", machte Julie, "ich verstehe! Wer an Gott glaubt, der braucht keine Religionen, oder?" B. schüttelt nur unwillig den Kopf und schnalzte "tz, tz, tz" verneinend mit der Zunge; nein, nein, so nun nicht.
Und dann, beim petit noir an der Theke in der Vorhalle fabulierte B., wie wohl nur B. es beherrscht, verklärt, genüßlerisch, mit leicht schräggelegtem Kopf und in blumenreicher Sprache, er habe zwei Frauen beobachtet, Freundinnen offensichtlich, die sich unterhalten und dann für den Einkauf getrennt hatten. Jede war in eine andere Richtung gegangen, da war der einen wohl noch etwas eingefallen, und sie habe der anderen "Marie" hinterhergerufen, worauf diese sanft stehengeblieben und sich mit einer Körperbewegung wie in einem de-Sica-Film zu ihrer Freundin umgedreht und sie angeschaut habe.
"Ach", sinnierte er, "eine dieser nicht mehr ganz jungen Frauen, leichtes Grau im Haar, und mit dem Gesicht jener, die viel Schönes und Leidenschaftliches erlebt haben, wißt Ihr, mit diesen zarten Falten um die Augen und den frivolen Mund..." und nachdenklich nahm er einen Schluck Kaffee zu sich.
Wir anderen warteten auf seine Fortsetzung. Er rollte den Expresso im Mund, stippte ein Stück Zucker in sein Täßchen und ließ es auf der Zunge zergehen.
"Ja", seufzte er , langgezogen fast, "mir wär' fast das Herz stehengeblieben, ich bekam feuchte Hände und in meinem Kopf fing es an zu hämmern. Die In-kar-na-tion der mediterranen Weiblichkeit", und er unterstützte seine Begeisterung mit leichtem Kopfnicken, "mit dieser winzigen Prise Laszivität , diesem kaum spürbaren vulgären Hauch..." Julie wollte just - ach nein - zu einem Grundsatzvortrag über Frauenfeindlichkeit und Chauvinismus anheben, B. aber, ähnliches ahnend, fuhr schnell fort: " Betört bin ich ihr hinterhergegangen, ich wußte genau, das war mein Moment, in dem die Götter nicken, und dann bemerkte ich es.
Von ihrer Ferse , die verheißungsvolle Wade hinauf bis unter den Saum des engen Rockes zeigte der Seidenstrumpf an ihrem linken Bein eine daumenbreite Laufmasche. Ich habe mir ausgemalt, wie und wohin sie weiter verläuft... ich weiß nicht, wie Laufmasche auf französisch heißt, und, " - er ließ ein weiteres mit Kaffee getränktes Zuckerstück im Mund zergehen - "vielleicht gehört auch diese Masche zu dieser Marie..."
"Mag gut sein", ulkte Bernard, "kann ja sein, die sweet lady heißt in Wirklichkeit Marie-Jane? Und: Laufmasche >maille filée à un bas<, nicht: >nach oben!<".
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