La vie conjugale
" Bin ich überhaupt nicht! Ist ja gar nicht wahr!" mault Eugen gelegentlich, wenn ihn mal wieder jemand darum gebeten hat, nicht ganz so aggressiv zu sein, und das hört sich recht trotzig an. Eugen sagt nämlich gern, konfliktscheu sei er nicht, nein, er als positiv denkender Mensch sei vielmehr harmoniebedürfig, jawohl, er bedürfe der Harmonie.
Und wer ihn und seine Geschichten kennt, kann das gut , sehr gut verstehen.
Eugen ist gelernter Lehrer, Studienrat für Deutsch und Geschichte in Frankfurt am Main, und Eugen war dem guten Leben herzlich zugetan, kannte viele Leute, ging gern aus und allenthalben gut gelitten.
Eines Tages, besser eines Abends nun - das ist schon einige Jahre her - verknallte er sich Hals über Kopf in Sylvie, die Französin italienischer Abstammung aus Arles. Waren es ihre schwarzen, fiebrigglänzenden Mittelmeeraugen, war es ihre Art zu lächeln - wer will es wissen - Eugen jedenfalls war hin und weg , fieberte, schlief kaum, war für die Schule nicht mehr zu gebrauchen.
Er besuchte Sylvie in Arles, nur für eine Woche, kam wieder nach Frankfurt, ging auch wieder seinem Berufe nach, fiel jedoch eines Mittags völlig unerwartet - bumms - rückwärts mit dem Kopf auf einen Heizkörper im Lehrerzimmer.
Es soll drei Tage gedauert haben, bis er wieder zusammenhängende Gedanken formulieren konnte, und es dauerte lange, die Ereignisse zu rekonstruieren.
Sylvie, so erfuhren seine Freunde, hatte von ihren Eltern in der Nähe von Sainte Marie en Roussillon eine Art Ferienkolonie geerbt, so ein halbes Dutzend kleiner Holzhäuschen mit Waschhaus und Grillplatz, nicht weit vom Strand, und die zwei hatten dort einige glückliche und turbulente Tage zusammen verlebt, so turbulent offenbar, daß der arme Eugen völlig fertig nach Frankfurt zurückgekommen war.
Nun, Sylvie hatte ihm auf maternatsmediterrane Art klar gemacht : Heirat oder überhaupt gar nicht.
Derartige Alternativen können selbst gemütvolle Männer verwirren; Eugen fühlte sich vollends überfordert. Aufgabe des Lehrerberufs, endgültiger Umzug nach Arles, Ehestand und Kindersegen .. sowas muß gut überlegt werden.
Kurz, Eugen hatte dann seine Entscheidung getroffen. Plötzlich war er verschwunden aus Frankfurt, niemand wußte Genaueres.
Nach Jahresfrist allerdings wurd er zufällig wiedergefunden, in einer Hauptschule am Stadtrand. Im Kreise zwölfjähriger Geschöpfe, Arbeitslehre unterrichtend.
"Mensch, Eugen, welche Überraschung! Wie geht es Dir denn?" hatte die Kollegin wohl erfreut ausgerufen, und Eugen hatte sich an seine Zöglinge gewandt und gefragt : "Nun, Kinder, wie geht es mir?", als die Schülerinnen und Schüler laut und im Chor antworteten: "Ihnen geht es ganz, ganz schlecht".
Später, bei einem Kaffee, einem "Depresso", wie Eugen launig bemerkte, war dann alles herausgekommen: Kaum ernsthaft verlobt, mußte er täglich den Hof der Ferienkolonie fegen, Fensterläden reparieren, den Rasen sprengen und weitere nützliche Tätigkeiten ausüben.
Das hat er nur den einen Sommer lang ausgehalten. Zum Glück wenigstens hat man ihn fast problemlos wieder in den hessischen Schuldienst aufgenommen.
So kann er - und das tut er überaus gern - ein- bis zweimal im Jahr vollkasko der warmen Sonne Frankreichs, dem reinen Himmel entgegenreisen und für einige Wochen Menschen wiederfinden, die mit Vergnügen seine Gastgeber sind, und die ihn zu trösten verstehen.
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