Das Küchenhandtuch der Renée
"Gott, wie habe ich diesen Satz geliebt", schrieb Renée Zucker im Märzheft der Zeitschrift "du" in ihrem Essay "SCHÖN - UND DÄMLICH" über die jüngsten Romane des John le Carré und ihre Frauenfiguren. Es ging ihr dabei um die Verfilmung des Romans Das Russlandhaus, und
eben um die Szene, als Sean Connery der Michelle Pfeiffer sagt, er liebe sie, zwei Mal sagt er das, und die dreht sich um und antwortet:
>Ich hoffe, Sie wissen, was Sie da sagen - in diesem Haus ist nur noch Platz für die Wahrheit<.
Voilà.
Und diesen so geliebten Satz halt, gestickt auf ein Handtuch, hat Renée Zucker vergeblich auf Flohmärkten in Berlin gesucht, wollte so gern sich ihn über den Herd hängen.
Nun, was soll man machen, wenn man diese Frau schätzt, eine Tanzsschule besucht hat und sowieso bemüht ist, Versprechen zu halten, die man nie gegeben hat?
Richtig, man läßt ihn sticken, Automatenstickerei heißt das heutzutage, diesen Satz, auf ein linnen Küchenhandtuch, und tuts ihr schenken, ohne Bedenken.
Und wie sich bisweilen die Gedanken beim Reden verfertigen, keimte beim Sticken und Verschicken die Idee, noch andere Zitate auf Handtücher zu bringen, die über Herde oder sonstwohin gehängt werden könnten, daß diese Spruchkultur recycelt und unter das pp. Publikum gebracht werden könnte. Warum nicht.
Und nun können kultivierte Individualisten in einschlägigen Läden
auf Halbleinen hochformatig rot, vielleicht auch blau in Schreibschrift mit > Zu viel des Guten ist einfach wunderbar< bestickte
Handtücher erwerben.
Das Geschmacksmuster freilich ist beim Patentamt angemeldet.
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