In vino veritas
Leidig ist im Süden bei manch einem die Geldfrage. Gut, es ist erstaunlich, mit wie wenig man auskommen kann, jedenfalls was Kleidung und Ernährung angeht. Die festen Kosten sind es, die stets wieder Kopfzerbrechen bereiten: Strom, Telefon, Heizmaterial und die Steuern.
Gesine hatte für sich und ihre Tochter eine Möglichkeit gefunden. Die beiden ziehen einen Teil des Sommers über zu den Freunden in das Mazet am Meer in St. Marie en Roussillon, da wird im Freien gelebt und geschlafen und während dieser vier Wochen wird ihr Haus im Dorf an Touristen vermietet. Ihr Nachbar kümmert sich darum.
Nun, zwar gibt es weder einen Garten noch Swimmingpool, dafür ist der Mietzins eben niedriger und die Leute kommen gern wieder.
Natürlich hat auch Gesine schon das Elend des Vermieters erlebt, zum Beispiel, dass Leute Nägel in ihre mühevoll restaurierten Türen kloppen um Sachen aufzuhängen, dass andere sich die Hände an den Vorhängen abgetrocknet haben und so weiter, aber in jenem August war etwas völlig Neues geschehen.
Die Miete war korrekt überwiesen worden, das Haus sauber, kein vergammelter Joghurt im Kühlschrank, das Radio noch ganz und der Stromverbrauch hatte sich in Grenzen gehalten. So weit, so gut.
Freilich muß erwähnt werden, Gesine sammelt. Wein, Rotwein. Nicht so connaisseusenhaft, nein mal dort eine Flasche, mal aus Spanien, den einen oder anderen von der Rhône, auch Bergerac oder von der Loire, was so reinkommt im Laufe der Zeit eben. Und diese Bouteillen lagert sie in der kleinen Kammer unter der Terrasse, kühl, etwas feucht, für die Gelegenheiten im Leben halt.
Ihr kritischer Rundgang durchs Haus nach der Vermietung lie sie nur kurz in der Kammer stutzen. Ihre Sommergäste hatten im Reinlich-keitswahn offenbar auch ihre Rotsponflaschen vom Staube befreit, witzig eigentlich.
Sie bereitete sich einen Milchkaffee. Doch dann, ahnungsvoll, nahm sie sicherheitshalber Fräulein Tochter bei der Hand, und ging noch einmal zu ihrer Weinsammlung.
In der Tat, alle Fächer waren wohlgefüllt, aber ... sie zog eine Flasche, noch eine und eine dritte und erbleichte.
Die Tochter hatte sich mit beiden Händchen ängstlich an sie ge-klammert, nachdem sie wutentbrannt eine Flasche auf dem Boden zertrümmert hatte: ihr GESAMTER Rotweinvorrat, jede Flasche mit eigener Geschichte, das Ergebnis von Jahren - futsch, flöten, weg.
Allerdings, so ganz nicht, schließlich waren ja Flaschen vorhanden, ersetzt, sozusagen, ausgetauscht gegen vin de table allerordinärster Herkunft.
Gesine hat noch am gleichen Abend ihre Sommermieter angerufen und um eine Erklärung gebeten, eine kleine Erklärung nur, bitte.
"Wieso", soll der Ehemann, angeblich ein Berliner, völlig irritiert ge-antwortet haben, "versteh' ick nicht. War doch alles Rotwein, oder? Wir haben doch alles wieder vollgepackt, sind doch alle Flaschen wieder da, oder? Ich weiß gar nicht, was Sie wollen!"
Gesine hat aufgegeben. Ihre Weinkammer ist jetzt mit einem dicken Vorhängeschloss versehen, denn auf Einnahmen aus Vermietungen kann sie wirklich nicht verzichten.
Sie hat sich berichten lassen, es gäbe in Berlin Lokale, wo "Mosel oder 'n Roter?" gefragt wird, wenn man Wein bestellen möchte.
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