Keine Lust auf Frust
Rolf und Hilde kommen von ganz woanders, haben Umwege und Abenteuer erleben und überstehen müssen, ehe sie, mehr zufällig, sich in die Gegend verliebt und hier niedergelassen haben.
Hilde ist Ernährungsberaterin bei Bonn gewesen, hat jahrelang in einem Bio-Laden gewirkt und in mittleren Jahren zusammen mit Rolf von einem kleinen Hotel an der Atlantikküste geträumt.
Beinahe hätte alles so wunderbar funktioniert.
Die Miete für den Bio-Laden war für die alten Besitzer zu hoch geworden, Hilde wollte den Laden nicht übernehmen; für Rolf war es einträglicher, die genossenschaftlich geführte Druckerei wurde in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst, die Maschinen verkauft, jeder erhielt seinen Teil am Erlös.
Bald schon hatten die zwei bei Les Landes eine passende charmante Pension mit acht Zimmern als Objekt ins Auge gefaßt, wollten kaufen und hatten begonnen, entsprechend zu vehandeln. Zusätzlich war ihnen als Privatrefugium ein überwiegend aus Holz konstruiertes sympathisches kleines Wohnhaus in unmittelbarer Nähe dazu preiswert und schnell veräußert worden.
Doch die Verhandlungen über die Pension schleppten sich endlos hin.
Neun Monate fast mühten sie sich per Fax, Telefon und mit Briefen, den Kauf endlich perfekt zu machen, sahen in dieser Zeit allerdings auch keine zwingende Notwendigkeit, sich der Restaurierung ihres Wohnhäuschens zu widmen.
Nun, an einem trüben hessischen Sonntagmorgen erreichte sie dann ein kaum verständlicher Handyanruf aus Frankreich, sie bräuchten nicht mehr zu kommen, das kleine Hotel sei per notariellem Vorvertrag inzwischen anderweitig verkauft worden...
Hilde und Rolf sind nach einer Woche dann doch an den Atlantik gefahren, um wenigstens ihr Häuschen in Angriff zu nehmen, wer weiß, wozu es gut sein könnte.
Bedauerlicherweise hatten sie in all dem Trubel verabsäumt, den ortansässigen Zimmermann mit Begutachtung und möglicherweise Behandlung der Holzkonstruktion zu beauftragen - Hilde sagte später, als sie sich wieder halbwegs gefaßt hatten, der Anblick hätte sie nachhaltig an Alexis Sorbas erinnert:"... hast du schon jemals etwas so schön zusammenbrechen sehen?"
Von dem Haus waren nur der Kamin und einige Mauerreste geblieben.
"Tja", hatte der Zimmermann lakonisch mit den Schultern gezuckt, "Termiten! Die haben wir hier. C'est comme ca..."
Frust und Verlust haben die Zwei beim Langlauf im Schwarzwald zu verarbeiten gesucht.
Inzwischen sind sie in der Nähe von Remoulins installiert. Sie haben eine Remise, einen alten Weinkeller zu einer Wohnung mit Terrasse und kleinem Garten ausgebaut.
Und weil Rolf nach wie vor innig der Schwarzen Kunst verbunden ist, haben sie einen Raum mit Bücherregalen ausgestattet.
Einmal die Woche haben sie geöffnet: Ankauf, Verkauf und Tausch anspruchsvollerer französischer, deutscher und englischer Literatur, zeitgenössisch und 19. Jahrhundert.
Manche Kunden verwöhnt Hilde mit ökotrophologisch komponierten
Salatangeboten und einem Gläschen Weißwein, und hin und wieder finden auch Lesungen und kleine Konzerte statt.
Steuern, Strom, Wasser und andere feste Kosten übers Jahr decken sie so zwar ab, möchten aber unbedingt diskret als Privatiers verstanden werden.
Müßten sie sonst doch eine zweite Toilette, einen Notausgang und weitere Sicherheitseinrichtungen konstruieren, einen Feuerlöscher anbringen und sich als Kaufleute anmelden.
Das möchten sie derzeitig lieber nicht.
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